Schlecky Silberstein hat sein natürliches Habitat – das Internet – verlassen, um ein Buch zu schreiben. Diesmal ist es aber nicht die übliche Sammlung von Kuriositäten, sondern eine Abrechnung. Der Blogger meint es (fast) ernst: „Das Internet muss weg“. Unter diesem Leitspruch warnt er vor einer Übernahme des Mediums durch rechte Trolle und die Algorithmen der sozialen Netzwerke. Er kritisiert eine Veränderung der menschlichen Kommunikation, an der er selbst Anteil hat.
Schlecky Silberstein ist ein Pseudonym, das sich der Blogger Christian Brandes nach einer Anekdote seiner Großmutter über einen Künstler im Warschauer Ghetto gab. Zunächst unter dem Label „Spiegel Offline“ tätig, hat er sich seit 2010 einen Namen als Perlentaucher des Internets gemacht. Auf seinem Blog sammelt Silberstein Netz-Phänomene vom Berghain-Hitler bis zur Twitter-Poesie. Er erklärt aber auch ganz politisch, warum wir alle AfD-süchtig sind und wie nicht nur Aktivisten die deutsche Waffenindustrie ärgern können. Über 600.000 regelmäßige Leser und 130.000 Facebook-Nutzer folgen ihm dabei.
Abschied vom Online-Verdienst?
„Das Internet muss weg“ erscheint zu einer verkaufstechnisch günstigen Zeit. Nicht erst der Facebook-Skandal um Cambridge Analytica ist eine kostenlose Werbung für das Buch. Schlecky Silberstein nahm die Debatten der letzten Jahre um die Rolle der sozialen Netzwerke im US-Wahlkampf und die Zunahme von journalistisch fragwürdigen rechten Blogs in sein Buch auf und will damit aufzeigen, dass „hier etwas ganz gewaltig falsch läuft.“

Die Kernthese seines Buches: Das aktuelle Internet ist schlecht für die Menschen. Das könne jeder erkennen, so Silberstein, der bewusst durch die eigene Netzrealität surft: Denn dort lauern Hassbotschaften, Fake News, Datensauger und ähnliche Probleme. Wer sich erst einmal erfolgreich durch den Dschungel an Buzzwords in Silbersteins Buch gekämpft hat, findet tatsächlich viel Lesenswertes in „Das Internet muss weg.“
Frauke Petry erobert die Medienbranche
Dazu gehört die Beschreibung eines Internets, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann: Wer kann sich schon an das Facebook vor 2006 erinnern, das zunächst ohne Newsfeed und fast gänzlich ohne Werbung funktionierte? Oder an die Dotcom-Blase, deren Anleger von der Gratis-Kultur im Netz überrascht wurden? Die dubiose Datenfirma Cambridge Analytica, so Silberstein, habe mit dem schon in den Dreißigerjahren entwickelten OCEAN-Testmodell gearbeitet. Beim Lesen wird deutlich, wie die Werbeindustrie seit Jahrzehnten das als so frei wahrgenommene Internet unterwandert.
Kulturpessimistisch geht es weiter: In Kapiteln zu Online-Sucht und moderner politischer Kommunikation beschreibt der Blogger, wie wir alle „gehackt“ wurden. Nun würde das Netz die Menschen programmieren und nicht mehr andersherum. Teenager-Selbstmorde und sinkende Empathie-Level seien nur ein Teil dieses Phänomens, das er mit wissenschaftlichen Studien, Black Mirror-Zitaten und persönlichen Erfahrungen zu belegen versucht. Eindrucksvoll beschreibt er, wie der Facebook-Algorithmus seine eigene Mutter, eine pensionierte Sozialarbeiterin, in rechte Kreise zog.

Auch der Journalismus bekommt eine Abreibung. Wenn 2016 die Fußball-Europameisterschaft die prekäre Lage in den Flüchtlingslagern an Europas Grenzen aus der Berichterstattung verdrängt und die AfD die Titelzeilen erobert, nur weil so die meisten Klicks generiert werden können, laufe etwas falsch. Während Frauke Petry die Strategie der Medien für eigene Zwecke nutzte, habe der Journalismus im Internet an kritischer Substanz verloren. Silberstein erklärt aber auch, wie unser Medienkonsum auf Facebook dazu beiträgt und warum wir so oft auf Clickbait-Artikel reinfallen.
Ein Werbeprofi gegen den Datenkapitalismus
Mit seinem Blog und der Arbeit für das Online-Angebot „Bohemian Browser Ballett“ [Youtube] kann er sich von der Liste der Verantwortlichen allerdings nicht so recht streichen. Auch er hat schon Werbeanzeigen als redaktionelle Beiträge verkauft und die Daten seiner Leser analysiert, gibt er im Buch zu. Der ehemalige Werbetexter beschreibt sein neuestes Werk deshalb als ersten Schritt in die richtige Richtung:
Was ich bisher beruflich gemacht habe, war total unwichtig. Dass ich damit auch noch erfolgreich war, hat mich fast traurig gemacht. Jetzt mache ich endlich mal etwas sinnvolles. Deshalb macht mir das Spaß.
Quasi als Whistleblower der eigenen Masche will Schlecky Silberstein erklären, worauf es in den nächsten Jahren ankommen wird: Besonders die jungen Generationen müssten sich aus ihrer Position als Versuchskaninchen der Tech-Firmen lösen und das Internet für sich selbst nutzen lernen. Das Buch ist aber bestenfalls eine halbgare Anleitung für Nutzer und bietet außer dem Scherz im Titel keine langfristig wirksamen Ideen. Die müssen wir wohl selbst entwickeln, damit am Ende keiner so wie Silberstein sagen muss: „Ich bin ein Social-Media-Opfer.“
Schlecky Silberstein: Das Internet muss weg. Knaus Verlag. 271 Seiten. 16,00 €.
